Deutsch-Rock vom Meeresgrund

VON
REINER KRAMER,
04.09.02

Die Band
„Projekt Kern“ legt Wert
darauf, dass jeder ihre
Lieder gleich mitsingen
kann.
Das Wort
„Kern“ lässt der Fantasie
viel Raum. Obst, ein
Mittelpunkt, Kernenergie und
einiges mehr kommen in den
Sinn. Darauf haben es die
acht Musiker aus Bickendorf
auch abgesehen. „«Projekt
Kern» ist einfach ein guter
Name. Und zur Interpretation
fällt einem auch immer was
ein“, gibt Torsten Wyssada
unumwunden zu. Das hört sich
dann so an: „Kernig“ sei die
Musik. Oder: „Der Kern
unserer Musik soll die
größtmöglichste Freiheit
sein.“ Stilistische Vielfalt
ist gewünscht. Jeder könne
hier seine Vorlieben
ausleben, stimmen die acht
Musiker überein.
Deutschem
Rock und Pop hat sich die
Big Band verschrieben, in
der Tradition von
Westernhagen, Klaus Lage,
„etwas Echt ist auch dabei“.
Eingängige Melodien
bestimmen die Lieder. „Jeder
wird unsere Songs nach dem
ersten Hörgenuss mitsingen
können“, meint Sänger Harald
Scholz.
Die
Melodien entstehen meist im
Proberaum: „Wir jammen
zusammen und jeder bringt
ein, was er für richtig
hält“, erläutert der
Frontmann. Klar, Kompromisse
müssen sein. „Schließlich
hat jeder seine eigene
Interpretation des Songs vor
Augen. Und alle Ideen müssen
zusammengeführt werden.“
Eine
weitere Namensinterpretation
gibt Marcus Radeke: „Jaan
Kampus und ich waren die
ersten Bandmitglieder, haben
sozusagen den Kern
gebildet“, wirft er ein.
Diese Version bestreiten die
Kollegen jedoch -
freundlich, aber vehement.
Dass
schließlich „Projekt Kern“
daraus wurde, hat einen ganz
einfachen Grund: „In
Süddeutschland existiert
bereits eine Band mit dem
Namen «Kern».“ Und weil die
Mitglieder an ihren
überregionalen Erfolg
glauben, haben sie halt ein
„Projekt“ daraus gemacht.
Seit
zweieinhalb Jahren ist die
Combo nun beisammen. Geprobt
wird regelmäßig montags und
freitags in Bickendorf. Im R
& J-Studio von Robert
Juretzki im Gewerbepark hat
das Oktett seine Basis. Hier
entstehen fast alle neuen
Kompositionen. Und hier
nehmen sie derzeit auch ihre
erste CD auf. Die Musiker
sind sich einig: „Ende des
Jahres wollen wir die fertig
haben.“ Auf dem
alljährlichen
Weihnachtskonzert des
Studios soll die Scheibe
Freunden und Bekannten
vorgestellt werden. Im
kommenden Jahr wollen sie
Bewerbungs-CDs mitsamt
Videoclip an Labels
versenden. Und auch
Live-Gigs sind für 2003
geplant.
„Ein
weiter Weg“, sagen Harald
Scholz, Jaan Kampus, Marcus
Radeke, Mathias Keil, Ernez
Lange, Marc Wegner, Andy
Grzella und Torsten Wyssada.
Wyssada
spielt die E-Gitarre und
singt im Background. Der 31
Jahre alte Pulheimer
arbeitet als DV-Koordinator.
Gemeinsam mit Andy Grzella,
Marc Wegner und Jaan Kampus
hatte er nach dem
Schulabschluss eine Band
gegründet. „Wir konnten alle
kein Instrument spielen,
haben ein wenig in die
Mikros gegrölt und das ganze
als Punkrock bezeichnet“,
erinnert er sich. Mit
Deutschrock und Blues hat er
es danach versucht, das war
die Band „Finish“. „Wir
waren ziemlich erfolgreich.
Einen Bandwettbewerb im
Krebelshof haben wir
gewonnen.“
Auch Marc
Wegner und Jaan Kampus (31)
waren damals im Krebelshof
dabei. „Das Gefühl ist
einfach klasse, wenn das
Publikum deine Songs
mitsingt und dich feiert,“
beschreibt Kampus seine
Erfahrung auf der Bühne.
„Davon kannst du einfach
nicht genug bekommen.“ Der
31 Jahre alte
Mediengestalteter wohnt in
Weidenpesch. Er spielt
akustische und elektrische
Gitarren und singt im
Background. An den Drums
sitzt Marc Wegner, ebenfalls
31. Er ist hauptberuflich
Maschinenbau-Student.
Andy
Grzella (32) ist der
Percussionist. In früheren
Gruppen hat sich der
Pulheimer am Bass ausgetobt.
„Den hatte aber Marcus schon
besetzt. Da hab ich mir halt
die Bongos gegriffen“,
erinnert er sich. Erst spät
sei er zu der Band gestoßen.
Vor einem Jahr ist er
eingestiegen. „Auf dem Klo
im Jugendheim hab ich Jaan
und Marc über die Band reden
hören. Da habe ich gefragt,
ob sie noch jemanden
brauchen können.“ Zur
nächsten Probe sei er
einfach mitgekommen. „Ich
wollte unbedingt wieder
Musik machen“, sagt er.
Auch
Marcus Radeke ist ein
Autodidakt: „Zum Bass hab
ich erst vor vier Jahren
gegriffen.“ Nach dem Gehör
habe er anfangs Melodien
nachgespielt, schließlich
eigene entwickelt. „Noten
lesen kann ich bis heut
nicht“, gibt sich der
Weidenpescher trotzig. Als
Gastmusiker ist derzeit
Ernest Lange mit dem
Alto-Saxofon und der Flöte
dabei.
Keyboarder
Mathias Keil hat „den
theoretische Background für
unsere Kompositionen“, wie
er selbst erklärt. Obwohl er
eigentlich keine
Banderfahrung besitzt,
greifen die Musiker gerne
auf sein Wissen zurück. Der
31-Jährige hat acht Jahre
lang eine Ausbildung am
klassischen Klavier
genossen. Und vor Publikum
spielte er schon früh: „In
der Kirche hab ich oft den
Kantor an der Orgel
vertreten.“ Und so
unterschiedlich sei das
Keyboard nicht, „weiße und
schwarze Tasten hat es
schließlich auch“.
Die
Songtexte schreibt Sänger
Harald Scholz. Der
27-Jährige ist durch ein
Zeitungsinserat zur Truppe
gestoßen. „Uns fehlte noch
die passende Stimme“,
erklärt Radeke. „Ein
bisschen wie Westernhagen“
höre sich Scholz an. Seine
Texte dagegen erinnern die
Bandmitglieder eher an
Herbert Grönemeyer.
Zum
Repertoire der Musiker
gehören ausschließlich
eigene Songs. „Ein Cover
müsste mindestens genauso
gut sein wie das Original“,
behauptet Keyboarder Keil.
Gelungen sei eine
Coverversion nur dann, wenn
sie „das Lied in einen
anderen Musikstil
transportiert“. Die Bürde
eines Vergleichs mit den
Rock- und Popgrößen wollen
sie aber nicht auf sich
nehmen. Doch, räumt Radeke
ein, einmal hätten sie es
auch versucht: „Auf dem
letztjährigen
Weihnachtskonzert haben wir
eine Interpretation von
«Stille Nacht, Heilige
Nacht» in verrockter Version
gespielt“ - eine Ausnahme.
Die Texte
schreibt Scholz im stillen
Kämmerlein. Viele seien
autobiografisch, einige
fiktiv. Gemeinsam ist allen,
dass sie von „der Suche nach
dem Sinn des Lebens“
handeln, sagt der
kaufmännische Angestellte.
Und der Rest der Band kann
sich mit seinen Werken
identifizieren. Die Stimmung
sei das alles entscheidende
Kriterium, sind die Musiker
sich einig. Und besonders
gut schreibt es sich - so
scheint es - mit einer
handfesten Depression. Oder
anders ausgedrückt, wie es
etwa im Song „Meeresgrund“
heißt: „Jetzt lieg ich hier
auf dem Meeresgrund /
dreitausend Meilen tief /
völlig ungesund.“

 |